|
Die alte Kultur vom Geben und Nehmen |
||
|
Alle Fachstudien der letzten fünfzig Jahre beziehen sich auf diesen Essay von Mauss. Darunter namhafte Wissenschaftler wie der neuseeländische Ethnologe Raymond Firth, sowie der französische Ethnologe und Anthropologe Claude Lévi-Strauss und die neuere Arbeit des amerikanischen Kulturanthropologen Marshall Sahlin von 1972. Sein Buch Stone Age Economics enthält ein herausragendes Kapitel über den »Geist des Gabe«. Bei ihm wird der Gabentausch nicht mehr in der primitiven Form eines Geschenks an Einzelne betrachtet, sondern findet in kleinen Gruppen, Dorfgemeinschaften, Clans, Stämmen usw. statt. So wird durch die Ethik des Gabentauschs eine Übertragung von »Heiligtümern« ermöglicht. Der britische Professor für Sozialpädagogik Richard Titmuss verglich in seinem Buch The Gift Reationship das britische Blutspendesystem, das alles Blut als Spende einstuft, mit dem amerikanischen System, das eine Mischwirtschaft aus gespendeten, gekauften und verkauften Blut praktiziert. Seit dieser Publikation haben sich mehrere Bücher auch mit dem rasanten Fortschritt bei Organtransplantationen befasst, die sich mit den ethischen Problemen dieser Praxis auseinandersetzen. Die meisten Nachfahren von Mauss haben sich auf Spezialthemen wie Ethologie, Recht, Ethik, Medizin oder Sozialpolitik konzentriert. |
||
![]()
Das Geschenk einer Kupferplatte
Potlatsch - Acryl auf
Papier
Lewis Hyde,
Autor von "The Gift", deutsch "Die Gabe" Lewis Hyde sieht hingegen in den Geschenken eine Ökonomie des schöpferischen Geistes, die besonders im Künstlerdasein zu erkennen ist. Nach seiner Auffassung ist ein Kunstwerk keine Ware, sondern ein Geschenk, das in seiner Materialität in zwei Realitäten existiert, in einer Handels- und einer Gabenökonomie. Entscheidend ist für ihn die zweite. Ein Kunstwerk ist auch ohne einen Marktwert vorhanden, doch ohne die Gabe von Intuition oder Inspiration eines Künstlers gibt es keine Kunst. Ihm fällt ein Teil seiner Kreation bei der Arbeit zu. In der Tat geht mit jedem Gestaltungsprozess ein unergründliches Gefühl einher, das das Werk nicht »selbst« geschaffen wurde. Der englische Schriftsteller D. H. Lawrence formulierte dies Gefühl wie folgt: »Nicht ich, nicht ich, sondern der mich durchwehte Wind«. Dieses Gefühl bezieht sich natürlich allein auf den Schaffensprozess, dem Innenleben von Gestaltung. Kunst, die unser Herz berührt, die Seele anspricht, unsere Sinne anregt und erfreut, solche Kunst, so sieht Lewis Hyde, empfangen wir als ein Geschenk. Auch wenn wir für den Museums-, Theater- oder Konzertbesuch Eintritt bezahlt haben, berührt die Kunst in uns etwas, das mit dem Preis nichts zu tun hat. Die Geschenke der Künstler können mit ihrem Geist den unseren wecken. Das Werk spricht, so beschrieb es Joseph Conrad, den Teil unseres Daseins an, der seinerseits ein Geschenk ist und nichts Erworbenes. Wenn Kunst uns erreicht, sind wir dankbar dafür, dass der Künstler gelebt und im Dienste seiner Gaben gearbeitet hat. Archetypische Masken der Verbundenheit - Aquarelle, 30x40cm, Wimmer Wilkenloh 1984 Aus
dem südlichen Afrika kommt die Lebensphilosophie UBUNTU, die
dort das alltägliche Leben beeinflusst. Das Wort kommt aus den
Bantusprachen der Zulu und Xhosa und umfasst die Begriffe
"Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gemeinsinn", die als
Teil des Ganzen verstanden werden. Es ist das Bewusstsein "gemeinsam
menschlicher zu werden, sich wechselseitig dabei zu
unterstützen". Das fördert das Bestreben nach einer
harmonischen, friedlichen Gesellschaft und beruht auf dem Glauben,
dass ein "universelles Band des Teilens", alles Menschliche
verbindet.
Zurück |