Die alte Kultur vom Geben und Nehmen
In den Kulturen der indigenen Völker
existierten einzigartige Formen von Geschenk-Ritualen. Die Kwakiiuti im Norden von Kanada zelebrierten den Potlatsch. Auf diesem Fest wurden unter anderem auch kostbar gestaltete Kupferplatten verschenkt. Marcel Mauss, der Urvater der Ethnologie, hat Potlatsch als Verb mit »ernähren« oder »verbrauchen« übersetzt, als Substantiv mit »Ernährer« oder  »Ort, an dem man gesättigt wurde«. Sein klassisches Werk "Die Gabe" über die Ethik des Tauschens von Geschenken erschien 1924. Darin hob er hervor, dass dieses Ritual aus drei eng verbundenen Verpflichtungen bestand: Geben, Nehmen und Erwidern. Viele dieser Geschenk-Rituale kreisten um Nahrung, wobei auch die sich nicht verbrauchenden Güter von den Indigenen als Nahrung bezeichnet wurden. Bei den Nordamerikanischen Völkern hieß der Potlatsch ursprünglich die »Große Speisung« und war ein mehrtägiges Fest. Für fast alle Stammesvölker war das Geschenk ein vergänglicher Besitz. Der Geist des Geschenkes konnte nur im beständigen Weitergeben lebendig bleiben. Das Ritual überschritt alle weltlichen Grenzen und reichte bis ins Mystische hinein. Der Geschenketausch nährte nicht nur den Geist des Einzelnen, er wurde auch als ein Bild des lebendigen Gruppenlebens gesehen. Ein Geschenk sollte nicht zum Vermögen eines anderen werden. Es gab drei Formen von Zuwachs, den natürlichen (bei Lebewesen), den natürlich-spirituellen (bei Trägern des Geistes) und den sozialen (beim Umlauf, der im individuellen Wohlwollen einer Gemeinschaft entstand). Die Aufwertung eines Geschenks war somit etwas zugleich Materielles, Soziales und Spirituelles.

                     Marcel Mauss                                                                            Potlatsch der Kwakiiuti                                   

 
 

Alle Fachstudien der letzten fünfzig Jahre beziehen sich auf diesen Essay von Mauss. Darunter namhafte Wissenschaftler wie der neuseeländische Ethnologe Raymond Firth, sowie der französische Ethnologe und Anthropologe Claude Lévi-Strauss und die neuere Arbeit des amerikanischen Kulturanthropologen Marshall Sahlin von 1972. Sein Buch Stone Age Economics enthält ein herausragendes Kapitel über den »Geist des Gabe«. Bei ihm wird der Gabentausch nicht mehr in der primitiven Form eines Geschenks an Einzelne betrachtet, sondern findet in kleinen Gruppen, Dorfgemeinschaften, Clans, Stämmen usw. statt. So wird durch die Ethik des Gabentauschs eine Übertragung von »Heiligtümern« ermöglicht. Der britische Professor für Sozialpädagogik Richard Titmuss verglich in seinem Buch The Gift Reationship das britische Blutspendesystem, das alles Blut als Spende einstuft, mit dem amerikanischen System, das eine Mischwirtschaft aus gespendeten, gekauften und verkauften Blut praktiziert. Seit dieser Publikation haben sich mehrere Bücher auch mit dem rasanten Fortschritt bei Organtransplantationen befasst, die sich mit den ethischen Problemen dieser Praxis auseinandersetzen. Die meisten Nachfahren von Mauss haben sich auf Spezialthemen wie Ethologie, Recht, Ethik, Medizin oder Sozialpolitik konzentriert.

 
              
         Das Geschenk einer Kupferplatte                Potlatsch - Acryl auf Papier                                            Lewis Hyde,
                                                                                                                                           Autor von "The Gift", deutsch "Die Gabe"

Lewis Hyde sieht hingegen in den Geschenken eine Ökonomie des schöpferischen Geistes, die besonders im Künstlerdasein zu erkennen ist. Nach seiner Auffassung ist ein Kunstwerk keine Ware, sondern ein Geschenk, das in seiner Materialität in zwei Realitäten existiert, in einer Handels- und einer Gabenökonomie. Entscheidend ist für ihn die zweite. Ein Kunstwerk ist auch ohne einen Marktwert vorhanden, doch ohne die Gabe von Intuition oder Inspiration eines Künstlers gibt es keine Kunst. Ihm fällt ein Teil seiner Kreation bei der Arbeit zu. In der Tat geht mit jedem Gestaltungsprozess ein unergründliches Gefühl einher, das das Werk nicht »selbst« geschaffen wurde. Der englische Schriftsteller D. H. Lawrence formulierte dies Gefühl wie folgt: »Nicht ich, nicht ich, sondern der mich durchwehte Wind«. Dieses Gefühl bezieht sich natürlich allein auf den Schaffensprozess, dem Innenleben von Gestaltung. Kunst, die unser Herz berührt, die Seele anspricht, unsere Sinne anregt und erfreut, solche Kunst, so sieht Lewis Hyde, empfangen wir als ein Geschenk. Auch wenn wir für den Museums-, Theater- oder Konzertbesuch Eintritt bezahlt haben, berührt die Kunst in uns etwas, das mit dem Preis nichts zu tun hat. Die Geschenke der Künstler können mit ihrem Geist den unseren wecken. Das Werk spricht, so beschrieb es Joseph Conrad, den Teil unseres Daseins an, der seinerseits ein Geschenk ist und nichts Erworbenes. Wenn Kunst uns erreicht, sind wir dankbar dafür, dass der Künstler gelebt und im Dienste seiner Gaben gearbeitet hat.

     
Archetypische Masken der Verbundenheit - Aquarelle, 30x40cm, Wimmer Wilkenloh 1984

Aus dem südlichen Afrika kommt die Lebensphilosophie UBUNTU, die dort das alltägliche Leben beeinflusst. Das Wort kommt aus den Bantusprachen der Zulu und Xhosa und umfasst die Begriffe "Menschlichkeit, Nächstenliebe und Gemeinsinn", die als Teil des Ganzen verstanden werden. Es ist das Bewusstsein "gemeinsam menschlicher zu werden, sich wechselseitig dabei zu unterstützen". Das fördert das Bestreben nach einer harmonischen, friedlichen Gesellschaft und beruht auf dem Glauben, dass ein "universelles Band des Teilens", alles Menschliche verbindet.


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